Angelika Degenhard

Mein Name ist Angelika Degenhard.
Hier mein Statement zu den Vergütungsverhandlungen der 4 maßgeblichen Berufsverbände mit dem GKV-SV.
Nachdem der Deutsche Berufsverband für Logopädie (dbl) am 02.12.2020 in einer Pressemitteilung über den Verlauf der Vergütungsverhandlungen informiert hat,
verfolge ich die Diskussion von besorgten Logopädinnen und Logopäden und bin gelinde gesagt entsetzt.
Das Entsetzen begann bei der ersten Pressemitteilung von Frau Kern (dbl), vom 02.12.20, dass über den Verhandlungsverlauf und das vorliegende Ergebnis, auf das sich die Verbände mehrheitlich verständigt haben, dem also auch der dbl zustimmt, Stillschweigen vereinbart worden sei, bis zur Vorlage einer endgültigen Beschlussfassung durch die Kassen am 14.12.20.
Was ist das denn? Wessen Beschluss ist denn das? Nach meinem Verständnis verhandeln hier gewählte Vertreterinnen und Vertreter von Verbänden im Interesse ihrer Mitglieder. Wie vertreten Sie denn die Interessen Ihrer Mitglieder, wenn Sie sich der Kommunikation und Transparenz entziehen?
Ich höre in Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen – auch von Verbandmitgliedern viele besorgte Fragen – das haben Sie nun selbst bewirkt, mit dieser Vereinbarung zum Stillschweigen. Ich komme aus einem Gewerkschaftshaushalt und ich kann mich in über 25 Jahren nicht daran erinnern, dass auch nur eine Tarifverhandlung ohne die Öffentlichkeit geführt wurde, für die verhandelt wurde. Ganz im Gegenteil, das Heischen nach einer möglichst breiten Öffentlichkeit, sogar über die Grenzen des Bereichs der eigenen Mitglieder hinaus ist immer in den Zeiten der Tarifverhandlungen besonders groß. Hmmm, und von unserem Berufsverband hört man nichts??? Stimmt, es wurde ja Stillschweigen vereinbart.
Man hört, dass Ärzt*innen bzw. deren Softwarebetreiber*innen die Umsetzung der Heilmittelrichtlinie nicht vollumfänglich fristgerecht umsetzten konnten und es daher zu Fristverschiebungen kam. Aber dass Rahmenverträge verhandelt werden, über eben den Rahmen, in dem wir in den niedergelassenen Praxen einen guten Therapiejob machen, hört man nichts. Und darüber wie die Therapeuten*innen für ihre Arbeit künftig bezahlt – und bitte angemessen bezahlt – werden sollen …. hört man nichts. Stimmt, es wurde ja Stillschweigen vereinbart.
Wir haben dann so ziemlich genau 14 Tage Zeit, uns auf die neuen Bedingungen einzustellen, die ausgehandelt wurden, von denen wir aber bisher nichts wissen dürfen. Ach, gut dass da Weihnachten und Silvester ist, da haben wir wenigstens was zu tun, sind ja eh stille Tage…
Ich soll Ihnen und Ihrem Verhandlungsgeschick vertrauen? Sie verstehen meine Sorgen und Nöte? Sie haben Respekt vor der verantwortungsvollen Aufgabe?
Empathisch.
Aber in knallharten Verhandlungen mit professionellen Verhandlungsführern reicht Empathie und Verständnis vielleicht nicht. Ich höre von Kolleginnen, dass sie sich nicht mehr als konkurrenzfähig gegenüber öffentlichen Arbeitgebern sehen, weil sie bei dem Gehalt, das öffentliche Arbeitgeber zahlen, nicht mehr mithalten können.
Wir Praxisinhaber*innen würden gerne unsere Angestellten so ausreichend entlohnen, dass wenigstens sie nicht von Altersarmut betroffen sein werden? Da reden wir noch gar nicht von uns Praxisinhaber*innen.
Ich habe eine Freundin, die vor 13 Jahren, ein Jahr nach mir, ihre logopädische Praxis eröffnete mit den Worten „ich leiste mir den Luxus einer verheirateten Ehefrau. Früher haben wir Boutiquen eröffnet und heute eröffnen wir logopädische Praxen“. Gut, das verstehe ich: Gut, dass ich verheiratet bin. Die Antworten auf unsere Fragen verstehe ich nicht. Ach ja, Sie hatten Verständnis geäußert, dann fühle ich mich zumindest therapeutisch gut bei Ihnen aufgehoben.
Ich lese, dass die Verbände sich zum Spielball in den Verhandlungen machen. Nein, es ist doch eigentlich schlimmer, sie sind gar kein ernstzunehmender Verhandlungspartner. Und dann wird auch noch eine Gleichung zum Verhandlungsverlauf aufgestellt: 3 Verbände+GKV-SV : 1 Verband
Als ich das gelesen habe, musste ich erst einmal innehalten. Damit haben Sie doch alles ausgedrückt, was Ihnen wichtig ist. Nicht das Ergebnis teurer Gutachten als Verhandlungsgrundlage, sondern Partnerschaftlichkeit mit den Kassen ist wichtig.
Meine Überzeugung hingegen ist: Wenn wir konkurrenzfähig mit den Gehältern bleiben wollen, die wir zahlen können; wenn wir nicht in die Altersarmut geraten wollen – auch wenn wir nicht verheiratet sind; wenn wir leistungsgerecht entlohnt werden wollen; wenn wir Leistungen vergütet bekommen wollen, für die wir viel bereitstellen (Prüfpflicht, Berichte, Praxisbereitstellungszeiten, um nur einige Dinge zu nennen); wenn wir es uns leisten können wollen, gute, verantwortungsvolle Arbeit auf hohem Niveau abzusichern durch Fort- und Weiterbildungen, dann sollten sich unsere Verbände ganz schnell, möglichst vor dem 14.12., darauf besinnen in wessen Auftrag und für wen sie (ver)handeln. Denn eine gemeinsame Linie wäre schon mal ein erster Anfang. Bei diesen Verhandlungen innerhalb der vier maßgeblichen Verbände sollten die Kompromisse geschlossen und erst dann die Verhandlung mit den Kassen – und zwar kompromisslos – geführt werden.
Ich würde ja sagen, dass eine Lehre bei Gewerkschaften auch nicht schlecht wäre, aber dafür ist es wohl zu spät. Ein kurzer Blick auf die systemrelevanten Pflegeberufe: Sie werden in naher Zukunft finanziell und gesellschaftlich hoch anerkannt sein, wenn diejenigen, die deren Interessen vertreten jetzt am Ball bleiben. Und dass sie das tun, dafür werden die Pflegenden sorgen – wie sie es schon lange tun in den letzten Jahren: am 1. Mai in unseren Städten, bei Streiks im öffentlichen Dienst. Die Akademisierung wuppen die Pflegenden nebenbei = Pflegemanagement /Pflegewissenschaft. Das wird ein Beruf mit Zukunft und wir müssen uns vielleicht keine Sorgen mehr machen, in unserem Alter nicht gepflegt zu werden. Aber die Sorge, ob für uns im Alter, bei Bedarf eine kompetente Logopädin/ein kompetenter Logopäde da sein wird, dürfen wir wohl haben.

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