WAT- Gutachten vorgestellt

In einer Pressekonferenz stellte heute Prof. Dr. Günter Neubauer gemeinsam mit Vertreterinnen der einzelnen Heilmittelbereiche das Gutachten Wirtschaftlichkeitsanalyse ambulanter Therapiepraxen (WAT) vom Institut für Gesundheitsökonomik (IFG) vor. Es zeigt sich eine erhebliche Unterfinanzierung dieser wichtigen Säule des ambulanten Gesundheitssektors. Die Versorgung der Bevölkerung mit Heilmitteln ist gefährdet, wenn nicht schnell Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

 

 

Für den Bereich Logopädie ergeben sich aus dem Gutachten zusammengefasst folgende wichtige Ergebnisse und Schlussfolgerungen. Die Ergebnisse beziehen sich auf eine durch das WAT-Gutachten ermittelte durchschnittliche Praxis mit 2 therapeutisch arbeitenden Angestellten, die zusammen 1,3 Vollzeitstellen besetzen. Die Zahl der Teilzeitkräfte in den Praxen ist, wie auch in anderen Frauenberufen, sehr hoch. 93% der Therapeutinnen sind weiblich.

– Das ermittelte Unternehmerinneneinkommen und die Arbeitnehmerinnenvergütung in einer logopädischen Praxis in 2018 liegen weit unter den vergleichbaren Tarifgehältern des öffentlichen Dienstes. Das bedeutet:

– Damit die niedergelassene Praxisinhaberin ein vergleichbares Einkommen zum öffentlichen Dienst erzielen kann, muss der GKV-Umsatz der Praxis aus 2018 um 49% gesteigert werden.

– Um die Mitarbeiterinnenvergütung konkurrenzfähig anzupassen, müssen die Gehälter um 51% gesteigert werden. Um das zu erreichen, muss der GKV-Umsatz der Praxis um weitere 15 % erhöht werden.

– Insgesamt ergibt sich in der Logopädie eine notwendige Steigerung der GKV-Vergütung im Vergleich zu 2018 um 64%. Dabei wurde noch nicht berücksichtigt, dass schon über 35 % der Therapeutinnen eine akademische Qualifikation besitzen.

– Noch größer zeigt sich die Differenz bei kleinen Praxen ohne Angestellte. Sie erzielen im Durchschnitt ein Bruttogehalt von 2078 €. Aber gerade diese kleinen Praxen sind in der Logopädie für eine flächendeckende Versorgung der Patientinnen unabdingbar, besonders um die Versorgung von älteren Patientinnen und Familien mit Kindern auf dem Land zu gewährleisten.

– In der Logopädie besteht bereits ein eklatanter Fachkräftemangel. 55 Prozent der Praxen mit Mitarbeiterinnen gaben an, dass Fachkräfte fehlen, im Durchschnitt 1,4 Fachkräfte pro Praxis.

– Seit 2 Jahren gilt unser Beruf in der Statistik der Arbeitsagentur als Mangelberuf. Dabei verlassen immer mehr Logopädinnen und Sprachtherapeutinnen den Beruf ganz und orientieren sich in der Bildung oder branchenfremd neu.

2. Auch strukturelle Probleme der Vergütung durch die Gesetzliche Krankenversicherung sind eine weitere Ursache für die schlechte finanzielle Situation der Praxen vor Ort :

Für organisatorische oder nicht direkt mit den PatientInnen erbrachte Tätigkeiten, die zwingende Voraussetzung für die Erbringung der therapeutischen Leistungen sind, wird viel Zeit in den Praxen investiert, die bisher in den Vergütungsstrukturen noch nicht ausreichend abgebildet werden. Dazu gehören z. B.:

– Hausbesuche und Behandlungen in Einrichtungen für Kinder mit einer schweren Behinderung. Dabei ist der Zeitaufwand viel höher als bisher vergütet. Der zusätzliche Aufwand für die Versorgung von Kindern mit schweren Behinderungen in einer auf deren Förderung ausgerichteten Einrichtung wird bisher noch gar nicht bezahlt.

– Die Differenz zwischen der bisher vergüteten fachlichen Vor- und Nachbereitungszeit von 10 min und dem ermittelten tatsächlichen Wert von 19,4 min pro Therapieeinheit muss bei der künftigen Preisfindung ebenfalls einkalkuliert werden.

– Berichte, die die meisten Ärzte anfordern, bezahlen die Krankenkassen bis auf eine bisher gar nicht.

– Es zeigt sich, dass in Logopädiepraxen ein erheblicher Arbeitsaufwand – nämlich 23 min pro Therapie für Verwaltungstätigkeiten wie z.B. Prüfung der ärztlichen Verordnungen, Arbeitsschutz, Mitarbeiterinnenführung, Datenschutz, Terminabsprachen oder Praxisorganisationentfallen. Der Verwaltungsaufwand muss in der Vergütung Berücksichtigung finden.

– Im Durchschnitt fallen drei Therapieeinheiten pro Woche und Therapeutin (VZÄ) aus, ohne dass diese anderweitig besetzt werden können. Auch dies führt zu erheblichen Einnahmeverlusten.

Unser Fazit:
Die jahrelange niedrige Vergütung und viele bisher nicht von den Krankenkassen vergütete Tätigkeiten haben für alle in den niedergelassenen Praxen tätigen Logopädinnen zu einer unterdurchschnittlichen Bezahlung und zu einer überdurchschnittlichen Arbeitsbelastung geführt. Altersvorsorge, Rücklagen oder eine leistungsgerechte Vergütung für Praxisinhaberinnen genauso wie angemessene vergleichbare Gehälter für Angestellte sind unter diesen Bedingungen nichtmöglich. Um eine qualitätsgerechte PatientInnenversorgung mit Logopädie auch in der Zukunft sichern zu können, muss die Vergütung entsprechend angepasst und neu strukturiert werden.

Wir müssen die Voraussetzungen schaffen, um die Tendenz der Abwanderung in andere Berufe aufzuhalten und wieder mehr Nachwuchs zu gewinnen. Wenn uns dies nicht gelingt, werden wir in absehbarer Zeit die PatientInnen nicht mehr mit den notwendigen Heilmitteln versorgen können.

 

 

Kommentarfunktion ist ausgeschaltet.